N. Steinhardt auf Deutsch

Mit dem Segen Seiner Eminenz Serafim, Metropolit für Zentral- und Nordeuropa der Rumänischen Orthodoxen Kirche, fingen im Sommer 2019 die Übersetzungsarbeiten an zwei Büchern des zur Orthodoxie konvertierten Juden Nicolae Steinhardt an: Der Gebende erhält’s und Das Tagebuch der Freude.

 

Hier ein paar Auszüge:

 

Der Gebende erhält’s

 

Vorwort

Die Texte dieses Büchleins – mit Ausnahme des orthodoxen Glaubensbekenntnisses, der Klosterreflexionen und des Măgura-Lagers – sind Predigten. Sie wurden nicht stilistisch verbessert oder überarbeitet. Viele Wiederholungen, wiederkehrende Themen und stilistische Obsessionen existieren weiterhin. Oder sie legen Manien im Denken, lexikalische und metaphorische Armut, ein beengtes Informationsfeld bloß. Desto mehr enthüllen sie den Autor (Prediger) in all seiner psychologischen, mentalen und kulturellen Schwäche; die Predigten werden zu dem, was sie tatsächlich sein müssen: ein öffentliches Geständnis und ein Dialog mit den Zuhörern, und nicht eine hochmütige, pedantische, herausgeputzte Tadelei oder eine selbstgefällige Lehre. Der Prediger und die Gemeindemitglieder schreiten gemeinsam – aufspürend, zurückkehrend, beharrend, mühsam verstehend, sich wundernd – auf Christus zu.

N.S.

 

Was ich Christus verdanke

Das jüdische Ritual enthält ein Gebet, das aus einer Reihe Danksagungen an Gott besteht, für alle Wohltaten, die Er Seinem Volk Israel verhieß. Als Refrain oder Vers, angefügt hinter jeder erwähnten Wohltat, findet man die Wörter dai lanu, die übersetzt werden als: zureichend, genug ist uns.
Wenn nur der Herr uns aus dem Land Ägypten herausgeführt hätte, wäre es zureichend, um Ihn zu benedeien und Ihm Ehre darzubringen. Wenn Er nur das Meer in Festland verwandelt hätte, wäre es genug, um Ihn zu preisen und nicht aufzuhören, Ihm zu danken. Wenn Er uns nur in der Wüste gefüttert hätte … Und so weiter. Jeder Akt der Göttlichkeit, jedes Wunder reicht, um die Dankbarkeit des Volkes zu entfachen und seinen Ausruf herbei zu führen: dai lanu!
Ebenso kann, denke ich, jeder Jude, der das Heilige Sakrament der Taufe durchmaß, dem der Herr sich offenbarte und der sich jetzt zu den „Juden, die an Ihn geglaubt haben“ zählt, ausrufen: zureichend, genug hast Du, Christus Gott, für mich gemacht!
Dafür, dass Du die Schuppen beseitigtest, die meine Augen bedeckten, danke ich Dir von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von meiner ganzen Kraft. Wenn Du nur das alles getan hättest, nachdem Du meiner wahrgenommen hast, würdig und recht ist es, unter Tränen zu rufen: dai li!
Dafür, dass Du mir die Möglichkeit gabst, meine eigene Sündhaftigkeit, Nichtigkeit und Niedertracht zu erkennen, bringe ich Dir Lob und Dank dar, und wenn das Geschenk, das mir gemacht wurde, nur auf so viel beschränkt wäre, ist es immer noch mehr als genug, um es zu wiederholen: dai li!
Dafür, dass Du mir erlaubtest, zu Dir zu beten, Dich zu lieben und Dich anzubeten – zureichend, genug ist mir, um deinen Heiligen Namen zu benedeien.
Dafür, dass du in mir die Hoffnung auf Vergebung sätest und mir die Möglichkeit der Erlösung zu erahnen schenktest – sei, Herr, gepriesen!
Dafür, dass Du mir den Mut gabst, eine Beziehung des Typs ich-Du zu Dir, meinem Herrn und meinem Gott, aufzustellen, staune ich, und, unfähig etwas anderes zu sagen, rufe ich aus: dai li! […]

Dai li!
Aus einem Sklaven und Krüppel machtest Du mich zum freien Menschen und Grandseigneur; aus einem Furchtsamen und Missetäter zum wagemutigen Menschen; aus einem Wesen der Dunkelheit zu einem nach Licht Begehrenden. Und machtest mich frei, das Gefühl zu entwickeln, dass es mir nicht verboten ist, zu hoffen, mich de facto nach Deiner Lehre und Deinem Willen zu verhalten.
Weil Er mir selbst nicht nur mein ganzes Elend und Übel und meine ganze Niedertracht, sondern auch die guten und günstigen Latenzen in mir offenbarte:
– zeigte mir, dass ich nicht endgültig und unwiderruflidch verloren bin;
– holte mich aus der Kloake, Engstirnigkeit und Finsternis heraus;
– übersetzte existentiell für mich und zu meinem Nutzen den erschütternden (und tröstenden) Satz: Qui Mariam absolvisti mihi quoque spem dedisti;
– und bat mich nicht, mich selbst auszumerzen, zu sterben, sondern, im Gegenteil, der Sünde und Eitelkeit zu sterben und kraftvoll in Ihm zu leben – mit Liebe und Freude – das heißt in Freiheit, Frohsinn und Gelassenheit. (Denn Er – wie Staniloae sagt -, „den Menschen schätzend, will nicht dessen Verwechslung mit Ihm Selbst, sondern ihn in einem ewigen Dialog der Liebe zu erhalten und zu erheben“.)
Er deckte mir auch ein weiteres großes (und lange Zeit ein völlig unvorausgesetztes) Geheimnis auf, nämlich das unvermeidliche universelle Gesetz des Paradoxons; und machte es mir leicht zu verstehen, dass die Unschuld nur auf diesem paradoxen Weg der Erkennung der eigenen Schuldhaftigkeit erreicht werden kann. […]

Rufst du Christus am Telefon an? ironisierte Andre Gide. Es besteht gar keine Notwendigkeit für einen Anruf, Er ist immer da, bereit, durch die (ofene) Tür des Herzens einzutreten und nur zu den Taten der inneren Noblesse fähig, die Er auch uns vorschlägt, indem Er uns verkündet, dass sie für uns immer erreichbar sind: Diskretion, Vergebung, Vergessen, Loslösung von Kleinlichkeiten und Keinigkeiten und von der Erinnerung an den Widrigkeiten, die einem widerfahren sind; Abscheu vor Rache, Hass, Anfälligkeit, Reizbarkeit, Arroganz und viele andere Dummheiten, deren erbärmliche Minderwertigkeit und akute Schädlichkeit Er uns ein für allemal anvertraut hat und uns jedes Mal schmerzhafter enthüllt.

 

Darbringung des Herrn

„Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“, sagt der Herr Christus (Matthäus 5, 17). Aber um diese Worte gründlich zu verstehen, muss man die beiden Bedeutungen berücksichtigen, die das Verb erfüllen in der rumänischen Sprache annehmen kann. Mir wird gesagt: bring mir eine Tasse Wasser. Ich bringe die Tasse: erfülle das Geheiß. Oder: bring die Hacke vom Kirchhof. Ich bringe sie, habe die Weisung erfüllt. Erfüllen kann aber auch die Bedeutung haben: vervollständigen, perfektionieren, auf ein besseres Niveau erheben, auf ein höheres Maß bringen.
Der Herr erfüllte das Gesetz für beide Bedeutungen des Verbs. […]

Deshalb, liebe Mitbrüder, reicht es für den Christen nicht aus, an Sonn- und Feiertagen in die Kirche zu gehen, eine oder ein paar Kerzen anzuzünden, die Ikonen anzubeten, und, eventuell, eine oder mehrere Metanoias (in der orthodoxen Kirche Kniebeugung mit Verneigung bis zur Erde, Anm. d. Übers) durchzuführen. Sie sind alle gut und schön. Aber, ich glaube, sie sind nicht genug. Christentum ist nicht nur Gottesdienst, Kult und Ritual. Christentum bedeutet freies christliches Leben, tagtäglich, Stunde für Stunde, jeden Augenblick. Der Herr kam nicht auf die Erde, um eine neue Religion zu gründen, sondern um uns eine neue Lebensweise zu geben, um uns zur Umkehr und Gottwerdung aufzurufen. Christus stieg vom Himmel herab und wurde Mensch damit wir uns über unsere tierische und körperliche Kondition erheben können, um zur Gottwerdung zu gelangen. Christus ruft uns direkt, hoch über den Höhen des Alten Bundes auf, zur Erfüllung unserer geistigen und kosmischen Berufung.
Es ist angemessen, immer zum Kreuz und zu Christus zu stehen. Das Christentum, im Gegensatz zu Judentum, Islam, Buddhismus und allen anderen östlichen Religionen ist der Glaube an einen Mensch gewordenen Gott. Und wenn unser Gott Mensch wurde, was obliegt uns zu tun? Lasst uns nach Vergeistigung streben; so nah wie möglich an Ihn heranzukommen, um uns bis an die Grenze – und gar über diese Grenze – unserer menschlichen Kräfte zu erheben. Nur so können wir unsere Bestimmung erfüllen und uns als würdig erweisen, Christus in unseren Herzen zu empfangen. Zum Schluss zitiere ich ein schönes und wahres Wort eines frommen Gelehrten: auf die Frage: „Wo ist Gott?“ antwortet er: „Dort, wo Er herein gelassen wird“.

 

Es wird euch weggenommen

Die Pharisäer verstanden natürlich sofort, und die Sadduzäer zusammen mit ihnen was das Gleichnis von den Winzern aussagen wollte. Es war auch gar nicht so schwierig, ein solch transparentes Gleichnis zu interpretieren. Da diejenigen, denen der Weinberg (also die Offenbarung über die Vorfahren, mit welchen der Bund geschlossen wurde) anvertraut wurde, des Vertrauens und der Mission, die sie erhielten, unwürdig waren, was hätte sonst noch folgen können, als sie durch andere zu ersetzen; in der Lage, die guten Früchte zum richtigen Zeitpunkt zu geben? Die Propheten waren getötet worden; der Sohn sollte gekreuzigt werden. (Im Text: die Diener, der Erbe). Natürlich musste der Weinberg von den Bösen genommen und zur Pflege und Bestellung Anderen, Zuverlässigeren gegeben werden. (Diese logische Konsequenz wurde von den Betroffenen abgeleitet). […]

Das Volk Israel – und das ist sein unbestreitbarer und unvergänglicher Verdienst – erkannte Gott an, als Er, auf dem Berg mit zwei Namen, Sinai und Horeb, durch Blitz und Donner zu Moses sprach, oder als Er im sanften und süßen Hauch Elias erschien. Aber als Er es durch die Stimme der Propheten zur Wiedergutmachung aufrief, wusste dieses theophore Volk nichts besseres, als sie als Sprachrohr der Gottheit zu verfolgen oder zu töten. Und wenn der Vater, wie der Besitzer des Weinbergs, Seinen geliebten Sohn in die Welt sendet, finden die Nachkommen des barmherzigen und gastfreundlichen Vaters Abraham nichts anderes zu tun, als Ihn zu kreuzigen und so über den Eckstein zu stolpern, der sie auch zermalmt.
Es wäre nicht möglich gewesen, dass die Mörder der Propheten und des Sohnes, dass die Übeltäter und Erzeuger von sauren Früchten weiterhin das Monopol über die Verheißung innehaben. Diese sollte auf alle Nationen übergehen (ohne im Geringsten die einzelnen Fälle der Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit und damit der Qualifizierung zum „Menschen Gottes“ auszuschließen), nach dem göttlichen Plan der kosmischen Erlösung und der sich immer weiter ausbreitenden Erkenntnis der Wahrheit. Das Gleichnis von den Winzern spricht mit leicht verständlichen Worten vom Verlassen des Alten Testaments durch die Juden (sie ersetzen es durch den Talmud – einer kanonischen Prozessordnung) und von der Übernahme der Ersten Offenbarung durch das Christentum. Das Judentum bewahrt das Wort des Gesetzes mit einer Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit (einer Art Panik vor Kleinigkeiten), der es nicht an Dramatik und Verbissenheit mangelt; aber der Geist des Bundes wurde – durch und in Christus – von Seinen Jüngern, Nachfolgern und Gläubigen geerbt, die verstanden, dass der Buchstabe tötet und der Geist lebendig macht. Ihnen gehört jetzt der Weinberg zur Pflege, Fruchtbarkeit und Bereicherung. Mögen sie sich der ihnen anvertrauten Mission als wahrhaft würdig erweisen; was eine gute und glückliche Verkündigung ist, aber gleichzeitig auch eine enorme Verantwortung voraussetzt.
Was geleitet uns? Das Alte Testament als Prophezeiung und Vorwegnahme des Neuen Testaments, das Neue Testament als Erfüllung und Vollendung des Alten Testaments; also die gesamte Schrift, das Wort des Einen und des Selben Gottes, der zuerst das Gesetz auf dem Berg der Offenbarung gab und dann den Vollzug des Opfers auf der Schädelhöhe zuließ, um uns in die Freiheit zu rufen, uns zu erretten und unsere Augen für unsere Bestimmung ohnegleichen zu öffnen, auf die Erde und in die Welt. O! Würden nur unser Verstand erleuchtet, unsere Wirkungskräfte verzehnfacht, unser Eifer entzündet, um aus diesem Weinberg, das von der Rechten Gottes gepflanzt wurde, den allschönen Garten zu machen, zu dessen Blühen Sein Eingeborener Sohn auf dem Kreuze stieg.

 

Der Heilige Prophet Elias

Der Heilige Prophet Elias – über den uns das Alte Testament ausführlich in den Kapiteln 17-22 des dritten Buches der Könige und in den Kapiteln 1-2 des vierten Buches der Könige informiert und auf den das Neue Testament wiederholt anspielt (z. B.: Matthäus 16, 14; 17, 11-12; Markus 8, 28; Lukas 4, 25-26; 9, 8 und 19), wobei sowohl Johannes der Täufer als auch Christus selbst als Wiederkunft des alten Propheten angesehen wurden – der Heilige Prophet Elias wird uns dargestellt als „ein Mann aus dem Gebirge“ (aus Tischbe bei Gilead, dem Bergland zwischen Jordanien und der arabischen Wüste) und mit dem Aussehen eines strengen und gewaltigen Asketen, genau wie Johannes der Täufer, mit dem er im Neuen Testament immer wieder verglichen wird. Er trägt langes Haar, einen Gürtelriemen um die Mitte und einen Mantel aus Schaffell, eine „Lammfelljacke“, nach manchen Übersetzungen; eine Art langer und zottiger, ärmelloser Regenmantel, typisch für die Hirten aus den Bergen. Er ist schnell in seinen Bewegungen und scharf im Sprechen, alles in seinen Reden, Handlungen und Gesten erzeugt einen Eindruck, der nur in Begriffen wie Feuer und Flamme, Donner und Blitz, Zorn und Gewalt zusammengefasst werden kann. […]

Ahab und Isebel scheinen das harsche rumänische Sprichwort vorwegzunehmen, das dem ruchlosen Weib zugeschrieben wird: Mann, glaube nicht, was deine Augen sehen; glaube, was ich dir sage.
Elias kann den Verrat des wahrhaftigen Gottes nicht ausstehen. Als Ahasja, Ahabs Nachfolger, krank ist und es für angebracht hält, den Beistand des Götzen Baal-Zebub von Ekron anzuflehen, wie verhält sich der Prophet zu den Gesandten des Königs, denen er engegen kommt? Zweimal lässt er sie mit Feuer vom Himmel niederbrennen: zwei Anführer und zweimal je fünfzig Gesandte. Hat Ohazia denn niemanden, den er um Hilfe bitten kann? Gibt es denn keinen Gott in Israel?
Wesentlich bei Elias ist das Verhalten gegenüber Lügner, Böse, Unterdrücker und Gesetzlose aller Art. Er spricht stets offen und harsch, glaubt unerschütterlich an Gerechtigkeit und an einen strafenden, unvoreingenommenen Gott. Er kennt keine Schonung, keinen Spaß, keine Nachsicht: Feuer wird euch niederbrennen, Hunde werden dich auffressen! Dies ist der Stil, und der Stil, wie wir es von Buffon und Blaga kennen, repräsentiert das Selbst des Menschen. Elias benutzt niemals Umschreibungen, Umgehungen. Er lässt sich nicht erweichen, erobern, verführen, einlullen, erschrecken, bestechen. Drohungen oder Schmeicheleien der Macht lassen ihn unberührt. Sie kümmern ihn zu wenig. Er unterscheidet klar zwischen Gut und Böse; einer wie er kann nicht mit Schönreden oder Mären hinters Licht geführt werden; er glaubt, was er mit den eigenen Augen sieht, nicht was ihm gesagt wird; er verurteilt das Böse, stellt sich ihm in der Tat entgegen; er ignoriert es nicht und zielt genau in die Mitte, zur Quelle der Gewalt, dem ungläubigen, unglücksbringenden Paar Ahab und Isebel, Ursache aller Debakel und Desaster, unnachgiebige Feinde ihres eigenen Volkes, das sie verhöhnen, beschweren und bedrängen, indem sie unablässig die verschiedensten Arten von Lügenmärchen und durchsichtige Erfindungen benutzen. […]

Uns allen sei er ein Beispiel von Furchtlosigkeit, Aufrichtigkeit, Liebe zu Gott, ehrlicher Rede, Abscheu vor Falschheit und Götzendienst, Ekel vor Heuchelei und erstauntem Widerwillen, wenn wir auf unseren verwundenen Lebenswegen auf ruchloser Betrügerei stoßen.

 

Die Zeit der Feigen
(Reichtum des Lebens)

Also stieg der Herr von Bethanien hinauf nach Jerusalem. Am Vorabend vertrieb Er, gemäß dem Matthäusevangelium, diejenigen hinaus, die im Tempel handelten und kauften, warf die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um (Matthäus 21, 12-13). Nach dem Bericht des Evangelisten Markus ereignete sich die Szene der Vertreibung aus dem Tempel vor der Episode mit dem verdorrten Feigenbaum (Markus 11, 20-26). Wie dem auch sei, wir finden Christus am nächsten Tag nach dem triumphalen Einzug in Jerusalem, nach oder am Vorabend der Säuberung des Tempels von den „Räubern“, in Augenblicken großer innerer Spannung und Aufwallung, kurz vor dem tragischen Ausgang Seiner irdischen Mission. Diesen Geisteszustand – angespannt und hastig – scheint der Prophet Jesaja gemeint zu haben: „Er legte die Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzte den Helm des Heils auf. Er legte die Kleider der Vergeltung an und umhüllte Sich mit leidenschaftlichem Eifer wie mit einem Mantel“ und „Ich sah Mich um, doch es gab keinen Helfer! Ich war bestürzt, aber es gab keinen, der Mich stützte. Da half Mir Mein eigener Arm und Meine Wut, sie stützte Mich“ (Jesaja 59, 17; 63, 5).[…]

Die Parabel vom Feigenbaums sollte ebenfalls eine ähnliche Behandlung erfahren; sie sollte nicht nach den Regeln der natürlichen Gerechtigkeit und den Werten der elementaren Axiologie interpretiert werden, sondern auf der Ebene sinnbildlicher geistlicher Sätze. Ja, es ist ungerecht, Früchte vom Feigenbaum (oder irgendeinem anderen Obstbaum) außerhalb der Erntezeit zu beanspruchen, aber die Ungerechtigkeit hört auf, wenn wir erkennen, worum es eigentlich geht: nämlich, Gott nützlich zu sein, auf Seinen Ruf zu antworten – oder eben nicht. Nicht um Feigen und Feigenbäume geht es in diesem Gleichnis, sondern um den Menschen (wie auch in anderen neutestamentlichen Metaphern: als ob der Allmächtige Vögel oder Ochsen meint!): er verfügt über keine gültige Entschuldigung, seinen Schöpfer abzulehnen oder um Ihm zu sagen: ich habe keine Zeit oder jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Termine, Stichtage, Bedingungen, Klauseln, Feilschen: sie sind von absoluter Nichtigkeit betroffen. Dem oben genannten Ruf kann nur mit „Hier bin ich“ oder „Ja, Herr“ geantwortet werden. Rechtfertigungen, wenn auch menschlich plausibel, werden nicht berücksichtigt: wir dürfen uns nicht einmal entschuldigen, um unseren Vater zu begraben oder unseren Haushalt zu organisieren; nicht, um uns das eben erworbene Stück Land anzusehen; nicht, um nach den neu gekauften Ochsen zu fragen; nicht, um uns von der Frau zu trennen, mit der wir uns gerade vermählt haben.
Es ist stets und immerfort Zeit – und jetzt ist sie – Christus mit „Hier bin ich“ zu antworten. Auf diesem Niveau, auf dieser Ebene kann nicht nach dem irdischen Bereich der Logik des Rechtswesens beurteilt werden. Drüben gelten die Begriffe, Intervalle, Bestimmungen, Epochen, Sitten und Gebräuche; hüben sind sie völlig unbedeutend und nicht zu rechtfertigen. Die Früchte des Feigenbaums – Produkte der unberührten Natur – sind den Kreisläufen des Blühens und Reifens untergeordnet, aber die Hingabe der Menschen kennt keine Termine und Pausen. […]

Was hätte der Feigenbaum praktisch tun können? Vor Scham und Schande in den Boden versinken; sich vor Kummer und Ärger ins Meer umpflanzen; oder, noch besser, viel besser, dem Herrn – durch inneren guten Willen, Streben und Erzittern – Anlass positiver Verwunderung sein sollen. Es gibt eine kurze japanische Legende, die hier nicht unpassend scheint: ein Philosoph ging im Wald spazieren; er blieb vor einem Busch stehen und sprach einen Zweig an: erzähle mir von Gott. Und der Zweig erblühte. Wenn er keine Früchte tragen konnte, hätte der Feigenbaum wenigstens blühen können. Oder sich schüchtern und unzufrieden mit sich selbst verneigen können. Aber dieser Anblick des Baumes, erstarrt im Grau seiner Fruchtlosigkeit, trocken (nicht weniger als das Holz des Kreuzes), unfruchtbar, stur, treu seiner gnadenlosen Fälligkeit, protzig in seiner kalendarischen Lage, stolz in seiner pharisäischen „Gerechtigkeit“, ungetrübt von jeglichem Zweifel, muss den Zorn des Herrn nicht weniger geweckt haben als das Gewusel der Taubenhändler und Geldwechsler an einem heiligen Ort. (Aus ihrem blassen Apfel mag der fruchtlose Baum entsprungen sein!) Christus, um den sich das Netz der mörderischen Verschwörung immer enger zieht, Christus, vergessen wir nicht, ist in einer Phase, die eher geradlinig als barmherzig ist: so dass er einige mit der Peitsche davonjagt und den anderen verdammt.

 

Die kanaanäische Frau

Die Stufen der schrecklichen Prüfung, denen der Herr die Kanaanäerin aus dem Land Tyrus und Sidon unterwirft, lassen sich wie folgt aufzählen:
Erstens: Nichtbeachten, ignorieren.
Sie kreuzt Seinen Weg, todunglücklich, sie ruft und fleht ihn an; Er aber schenkt ihr kein Wort (Matthäus 15, 23). Er übersieht sie, verachtet sie, und man kann sogar sagen, dass er sie verspottet, denn welche Beleidigung ist grausamer als jemanden anzusprechen und keine Antwort zu erhalten, nicht einmal als Schelte oder Tadel? Diese eisige, ferne Stille ist schrecklicher als ein Schimpfwort und brennt schlimmer als eine Beleidigung. […]

(Nicht zu vergessen, dass der Herr wiederholt den Gebrauch von Klugheit und menschlicher Vernunft nicht verachtete: die Antwort in der Frage der Steuer, im Fall der Frau, die beim Ehebruch erwischt wurde, der Frau, die nacheinander mit sieben Brüdern verheiratet war, oder in der Frage nach dem Wesen der vom Wegbereiter Johannes durchgeführten Taufe. Jedes Mal antwortet oder fragt der Herr mit der überlegenen Regsamkeit des Verstandes, die diejenigen verwirrt, die kamen, um ihn zu versuchen.)
So auch die Kanaanäerin: höflich, untertänig, bescheiden, aber auch sprühend vor Intelligenz, antwortet schnell und scharsfsinnig! Und weise! (Ihre Antwort ist eine Mischung aus Ratsamkeit, Scharfsinn und Subtilität, die verzaubert und besiegt).
Deshalb besteht sie die Prüfung exzellent und bekommt eine Note über das Maximum, sie erhält eine – wie man so sagt – Eins plus. Sie allein – nur sie, einzig sie – von allen, für welche Jesus ein Wunder vollbrachte, weil sie Ihn baten und an Ihn glaubten, Sie allein wird mit O, Frau! angesprochen. Dieser Ausruf ist in den Evangelien absolut einzigartig. Ebenfalls einzigartig und das Adjektiv groß im Syntagma groß ist dein Glaube. Zu niemanden sonst sagt der Herr, dass sein Glaube groß ist. Und auch niemand wird mit dem ehrerbietigen, erlesenen, höchsten Erlass beseligt: es soll dir geschehen, wie du willst. Nicht (wie bei den anderen) „nach deinem Glauben“, sondern „wie du willst“. Es ist eine Nuance, die uns nicht entgehen kann. Das Ergebnis ist freilich in allen Fällen das gleiche. Auch die Wertschätzung. Aber die Ausdrucksweise ist anders – und man sollte dessen gewahr werden. Der Kanaanäerin wird Gnade über Gnade gewährt; es ist klar, dass der Prüfer, nachdem er sie piesackte, sie jetzt überwältigen möchte: und Er ehrt sie auf Seine Art, gut und voll, gehäuft und überfließend, fürstlich, königlich. […]

Es ist gut, aus diesem Gleichnis abzuleiten, dass von den Fähigkeiten, die der Herr mag, diese Seine Freude und Bewunderung hervorriefen: Glaube, Selbstlosigkeit, Mut, Eifer, Wohlerzogenheit, Demut und Intelligenz. Glaube, Selbstlosigkeit, Eifer, Demut kennen wir durchweg als notwendig und willkommen. Aber der Fall der Kanaanäerin zeigt und beweist uns, dass ebenso mächtig und kostbar die Eigenschaften sind, auf die die Kommentatoren weniger Wert legen: Mut, Höflichkeit, Intelligenz. Der Herr liebt die Gläubigen, die Selbstlosen, die Eiferer. Und nicht weniger die Tapferen, die Vornehmen, die Intelligenten. Angst, Frechheit und Dummheit gefallen Christus nicht. Die Kanaanäerin – der diese hässlichen Züge fehlen – zeigt es uns frei. Ihr besonderer Erfolg bei der außerordentlichen Prüfung bedeutet der Sieg einiger christlichen Tugenden, von uns nicht hinreichend verherrlicht.
Möge die Antwort, die wir am Ende der längeren Prüfung, die das Leben eines jeden von uns ist, geben werden, uns freilich nicht mit das „Magna cum laudae“ bescheren, die die Kanaanäerin erhielt, aber zumindest das Bestehen, oder vielleicht sogar eine gute Note, durch die Gnade des Richters!